Clubkombinat Hamburg e.V.

Club-Bilanz 2020/2021

Die Club-Bilanz 2020/2021 steht voll und ganz im Zeichen von Corona, Lockdowns und Einschränkungen bei der Umsetzung von Live-Musik und Tanzveranstaltungen in jeglicher Form. In die Betrachtung der Entwicklungen der Musikspielstätten in Hamburg fließen Schließungen, Neugründungen ein und verzeichnet auch Namens- bzw. Betreiberwechsel. Da in dem Erhebungszeitraum vielfältig staatliche verordnete Programmpausen vorlagen, wird diese Form der temporären Schließung dieses Mal nicht gesondert vorgenommen.

Mit Blick auf den Vergleichszeitraum 2018/2019 (- 2) und die relativ starken Beeinträchtigungen der Corona-Pandemie weist die Bilanz für die Jahre 2020/2021 insgesamt einen relativ geringen Verlust von drei Musikbühnen aus. Insgesamt stehen zwei Neugründungen fünf dauerhaften Schließungen gegenüber.

Seit dem Start der Erhebung im Jahr 2014 verzeichnet die Gesamtbilanz aktuell einen Verlust von insgesamt sechs Musikspielstätten (Indoor):

Thore Debor, Geschäftsführer Clubkombinat Hamburg e.V. bilanziert: „Wir sind froh, dass wir – trotz Corona-Pandemie – bislang keinen Aderlass an Musikspielstätten verzeichnen. Dies kann als ein großer Zwischenerfolg der staatlichen Rettungsmaßnahmen gewertet werden. Mit Sorge betrachten wir die abnehmende Anzahl von Neugründungen. Offensichtlich fällt die Gründung von Musikclubs in der zunehmend verdichteten Stadt potenziellen Betreiber:innen immer schwerer. Umso wichtiger ist es, sich um den Erhalt der infrastrukturellen Substanz zu bemühen und strategisch, eine kultur-integrierte Stadtentwicklung zu forcieren.“

Neben der reinen Summierung von Flächenveränderungen gilt es zur qualitativen Analyse auch die Anzahl von Musikveranstaltungen im Blick zu behalten. Im Jahr 2019 konnte das Clubkombinat zuletzt ein vollständiges Veranstaltungsjahr erfassen. Dabei wurden insgesamt 13.165 Veranstaltungen von durchschnittlich 105 unterschiedlichen Quellen verzeichnet. Die Veranstaltungen unterteilten sich in 6.551 Konzerte (49,76%) und 4.468 Parties (33,49%), die sich zu 11.019 Musikveranstaltungen summierten. Im Gesamtdurchschnitt ergibt sich für das Jahr 2019 ein Wert von rund 36 Veranstaltungen pro Tag.

Durch die hohe Anzahl von Verschiebungen konnte für die Jahre 2020/2021 keine strukturierte Erfassung von Termindaten erfolgen.

 

I. Problemlagen, die 2020/2021 der Clubszene zusetzten

Die Corona-Eindämmungsmaßnahmen setzten der Clubbranche in den Jahren 2020/2021 massiv unter Druck und machten einen Normalbetrieb unmöglich: Die ersten Auswirkungen zum Covid19-Virus wurden in Europa (zunächst in Italien, Schweiz und Israel) Ende Februar 2020 spürbar. Erste Konzertabsagen aufgrund von Verzicht bzw. Unmöglichkeit von Tourneereisen erreichten Hamburg umgehend. Ein deutlicher Rückgang der Besucher:innen folgte sogleich. Die ersten freiwilligen Schließungen der Spielstättenbetreiber*innen wurden mit Wirkung ab dem 12. März – ohne Rechtsgrundlage und somit vollständiger Regresspflicht – verkündet. Zum 15. März 2020 forderte der Hamburger Senat per Allgemeinverfügung alle Kultureinrichtungen in Hamburg auf, ihren Betrieb zu schließen. Eine behördlich angeordnete Betriebsschließung seitens der Gesundheitsbehörde, die versicherungsrelevante Tatbestände aktivierte, folgte erst einige Tage später. Bis zum 30.06.2020 waren die Veranstaltungsbetriebe stillgelegt und setzten viele Streaming-Angebote auf.

Ab 01. Juli 2020 waren Outdoor-Veranstaltungen wieder möglich. Ein größerer Lichtblick erfolgte mit der Outdoor-Förderung der Behörde für Kultur und Medien, deren Antragsstart ab dem 11. August 2020 Veranstaltungen bis 1.000 Personen im Freien unter Pandemie-Bedingungen mit 1,5 Mio. Euro förderte.

Zu Anfang September 2020 wurde die Umsetzung von Indoor-Veranstaltungen bestuhlt mit Abstand, bis zum ersten Winter-Lockdown am 02. November 2020 erlaubt. Es folgten sieben lange Monate musikalische Stille.

Am 07. Mai verkündete der Senatssprecher Marcel Schweitzer: „Es ist uns gelungen, die dritte Welle zu brechen.“ Danach wurde in einem ersten Schritt die Rücknahme der Ausgangssperre, eine Lockerung der Maßnahmen in Schulen und Kitas und eine Berücksichtigung der besonderen Stellung von vollständig geimpften Personen umgesetzt. Die Außenbereiche von Restaurants und Gaststätten durften zu Pfingsten wieder öffnen. Ende Mai lag die Sieben-Tage-Inzidenz stabil unter 50 bzw. auch schon unter der nächsten Grenze von 35. Ab dem 4. Juni konnte die Innengastronomie mit Vorsichtsmaßnahmen öffnen. In den Ausgehvierteln wurde ein Alkoholverkaufsverbot an Wochenenden eingeführt. Ab dem 4. Öffnungsschritt zum 11. Juni 2021 wurden Veranstaltungen mit festen Sitzplätzen in Innenräumen mit bis zu 100 Personen möglich (Auflagen: Testpflicht, fester Platz, (digitale) Kontaktnachverfolgung, medizinische Maskenpflicht). Veranstaltungen unter freiem Himmel waren unter denselben Bedingungen mit bis zu 500 Personen zulässig.
Hamburg setzte einen Kultursommer auf, für den man sich kurzfristig bis zum 19. Mai 2021 bewerben konnte.

Am 28. August 2021 führte Hamburg als erstes Bundesland für alle Publikumseinrichtungen die 2G-Option ein. Tanz- und Musik-Clubs und Kultureinrichtungen mussten für Veranstaltungen vorab beantragen, dass nur Geimpfte und Genesene Zugang erhalten. Dafür entfielen im Gegenzug dann eine Reihe von Beschränkungen. Zum 25. September 2021 fiel auch die Maskenpflicht und jegliche Personenbeschränkungen beim Tanzen in Innenräumen wurden aufgehoben.

Mit der Verbreitung der Omikron-Variante folgten erneut Einschränkungen und der 2. Winter-Lockdown rückte näher. Ab dem 20. November galt für Tanzveranstaltungen verpflichtend das 2G-Modell. Parallel sank bereits deutlich die Besuchernachfrage und Konzertabsagen seitens der Künstler:innen häuften sich. Ab dem 04. Dezember galt das 2GPlus-Modell (genesen / geimpft und getestet) für alle Tanzveranstaltungen, unabhängig von der Lokalität. Somit war neben dem Impfnachweis oder dem Genesenennachweis auch ein negativer Testnachweis vorzulegen.

Ab dem 21. Dezember waren alle Tanzveranstaltungen untersagt und es wurde eine Sperrstunde für die Gastronomie ab 23 Uhr eingeführt. Diese Regeln galten grob genommen bis zum 04. März 2022.

Bis Ende des Kalenderjahres 2021 wurden 59 Eindämmungsverordnungen eingeführt, die die Häufigkeit der Regeländerungen unterstreicht.

Den immensen Rückgang an Musikveranstaltungen in den Jahren 2020/2021 im Vergleich zum Jahr 2019 stellt die folgende GEMA-Grafik anschaulich dar:

Quelle: https://www.gema.de/fileadmin/user_upload/Gema/virtuos/virtuos_04_2021.pdf

II. Strukturelle Lösungsansätze als Hoffnungsschimmer

Trotz Pandemie fand am 06. Februar der Open Club Day 2021 statt. Mehr als 40 Musikclubs und Netzwerke aus zehn Bundesländer beteiligten sich an der Online-Konferenz, die unter dem Motto #clubsAREculture stand. Verschiedene Diskussionen ergaben mehrere konkrete Ergebnisse. Auch in Hamburg führte ein Online-Talk mit der Politik zu einem Austauschformat.

Auf Bundesebene fand das Thema Clubkultur erstmals Berücksichtigung in eine Beschlussfassung im Deutschen Bundestag: Ein Entschließungsantrag für die Beschlussempfehlung des Ausschuss für Bau, Wohnen, Stadtentwicklung und Kommunen für das Baulandmobilisierungsgesetz von CDU/CSU und SPD fordert, dass die Bundesregierung die Baunutzungsverordnung dahingehend anpasst, dass Clubs und Livespielstätten mit nachweisbarem kulturellen Bezug nicht mehr als Vergnügungsstätten, sondern als Anlagen für kulturelle Zwecke definiert werden. Mehr Infos unter clubsareculture.de.

Im Jahr 2018 wurden von der Bürgerschaft Planungsmittel für eine Bestandsaufnahme und Bedarfsermittlung Sanierungsbedarfe für Musikclubs über den Sanierungsfonds Hamburg 2020 mit Schwerpunkt auf Lärmschutz beschlossen. Im Jahr 2021 konnte die Erhebungsphase abgeschlossen und der Bedarf für 14 Musikclubs der Bürgerschaft übermittelt werden. Die Beschlussfassung zur Mittelfreigabe und Umsetzung erfolgte am 02. Februar 2022.

Die Initiative Musik veröffentlichte Ende Mai 2021 mit der bundesweiten Clubstudie ein umfassendes Zahlenwerk zur Situation von Musikspielstätten in Deutschland. Aufgrund eines hohen Rücklaufs aus Hamburg existiert damit nun auch ein detaillierter Überblick über die hiesige Clubbranche, der tiefgehende Analysen und Vergleiche zum Bundesdurchschnitt ermöglicht.

 

III. Ein Streifzug durch die Hamburger Clublandschaft – Was hat sich 2020/2021 konkret verändert?

Neugründungen:

Schrödingers (Mitte) / seit 2020

„Eine Lichtung in der Stadt bringt zusammen, was Leben ausmacht.“ lautet die eigene Beschreibung der neuen Location im Schanzenpark. „Gemeinsam erschaffen wir Kultur und verbinden Menschen. Mit Speisen aus der Region und extra viel Platz für gemeinnützige Projekte.“ Mit dieser Ausrichtung wurde die Outdoorfläche, von den Betreiber:innen vom Waagenbau, im anfänglichen Corona-Trubel eröffnet.

Slot (Altona) / seit 2020

Das SLOT ist ein kollektiv betriebener, gemeinnütziger Raum für Partys & Konzerte, Debatten und Ausstellungen in der sogenannten fux Kaserne in Altona. Alle Einnahmen gehen wiederum an politische und kulturelle Projekte und Initiativen. Darüber hinaus bietet SLOT Platz für DIY-Aktivitäten und urbane Kultur.

Schließungen:

Anderswelt (Mitte) / 2020

Das Projekt, das nach der Schließung vom preisgekrönten Club MOLOCH im Gängeviertel entstanden ist, hat in der Stockmeyerstraße in der Hafen City einen Freiraum für Kunst und Kultur aller Art geschaffen. Ein Team von mehr als 100 ehrenamtlichen Helfern organisierten einmal monatlich elektronische Clubnächte. Der Standort ist schließlich massiven Beschwerden von Anwohnern zum Opfer gefallen.

Landgang (Mitte) / 2020

Nach über 10 Jahren war die Frustrationsgrenze durch ausschweifendes „Cornern“ in unmittelbarer Nähe rund im den Standort Neuer Pferdemarkt und dem Lockdown im März 2020 erreicht mit der Konsequenz der Betriebsaufgabe.

Tisch und Stuhl (Altona) / 2020

Seit Ende 2016 haben die Betreiberinnen einer Möbelmanufaktur abends in den Ladenräumen Kleinkunst von Streich-Ensembles bis A-Capella im Umfeld der Fabrik und dem Bauwagenplatz Gaußstrasse angeboten. Ihre Intention die Programmgestaltung auszuweiten wurde von Corona komplett bis zur Aufgabe ausgebremst.

Mobile Blues Club (Mitte) / 2020

Nach knapp 20 Jahren hat der liebevoll ausgestattete Bauwagen seinen Standort hinter dem Central Park in der Schanze verlassen. Aufbruch in Bundesländer in denen die Bestimmungen im ersten Lockdown nicht so strickt wie in Hamburg ausgelegt waren und eine Sanierung des Bauwagens waren die Gründe.

Kulturwerkstatt Hamburg (Altona) / 2020

Probe- und Auftrittsmöglichkeiten, ausgestattet mit hochwertigen Flügeln bei bester Raumakustik machten die Kulturwerkstatt Hamburg zum beliebten Treffpunkt für Chöre und Gesangsensembles. Mit den Eindämmungsverordnungen ab Frühjahr 2020 war gerade die Zusammenkunft von mehreren Haushalten ohne Maske in geschlossenen 2020 untersagt, und somit weder Probe noch Auftritt von jeglichen Gesangsgruppen umsetzbar. Das Konzept dieser Spielstätte war damit ohne Aussicht auf Perspektive erledigt.

Souledge (Altona) / 2020

Kein Aussicht auf Mietverlängerung und der harte Lockdown im März 2020 sind für die Betreiber der Live-Location, in direkter Nachbarschaft zur Astra Stube, Waagenbau, Beat Boutique und Fundbureau, keine Perspektive um an der Spielstätte festzuhalten. Nach 16 Jahren kommt das bittere Betriebsende.


Hintergrund zur Erhebung:
Bei fast jeder Club-Schließung oder Unterbrechung grassiert schnell der Begriff “Clubsterben” durch die Presse. Für einen möglichst faktenbasierten Diskurs erhebt das Clubkombinat Hamburg seit 2014 kontinuierlich die Entwicklungen in der Hamburger Clublandschaft (siehe auch Pressemeldungen) und zieht alle 24 Monate ein Fazit.
Diese Form der Bilanzierung bildet jedoch nur einen Ausschnitt der Szenerie ab. Die enorme Anzahl an Musikclubs sowie die Vitalität der Aktivitäten in dieser Szene lassen sich nur äußerst schwierig in ihrer Gesamtheit erfassen. Die Ausführungen konzentrieren sich auf die wichtigsten Ereignisse der Clubszene und erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. In der Erhebung werden keine Open Air Veranstaltungsflächen erfasst.

Ein Kommentar zu “Club-Bilanz 2020/2021

  1. Ilse

    Danke für die Zusammenfassung, den zeitlichen Ablauf und die Erhebungen ! Krass, das Auf und Ab nochmal während des Lesens revue passieren zu lassen…59 EVOs….

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