Clubkombinat Hamburg e.V.

Negativpreis „Die zerbrochene Gitarre“ 2019 verliehen

Das Clubkombinat setzt sich als Zusammenschluss Hamburger Club-, Party- und Kulturereignisschaffender für die Anliegen von Musikbühnenbetreibern und Kulturveranstaltern ein. Diese Menschen übernehmen in der Musikstadt Hamburg eine Schlüsselrolle in der Produktion einer heterogenen Musiklandschaft und sind von großer Wichtigkeit für die Förderung von Diverstität und Attraktivität im urbanen Kultur- und Nachtleben. Eine zentrale Herausforderung dieser Szene besteht darin, dass alteingesessene Mieter*innen sich gegen die Interessen von Investor*innen zur Wehr setzen und bedrohte Räume erfolgreich langfristig sichern. So ist gegenwärtig unter anderem die Zukunft der Kogge in der Bernhard-Nocht-Straße ab Sommer 2019 ungewiss.

Das derzeit prominenteste Opfer liegt in der Bernstorff 117, im Volksmund liebevoll “Bernie 117” genannt. Die 19 Parteien der Hofgemeinschaft im Stadtteil St. Pauli verstehen sich als funktionierendes Soziotop aus über 110 Künstler*innen, Handwerker*innen, Grafikdesigner*innen, Filmproduzent*innen, Musiker*innen, Musikproduzent*innen und Bildenden Künstler*innen. Der Hof existiert bereits seit über 100 Jahren. Er ist einer der letzten erhaltenen historischen Arbeitshöfe der Stadt und kann eine bewegte Geschichte vorweisen. Seit knapp 40 Jahren verrichten hier Handwerker*innen und Kreative Tür an Tür ihre Arbeit: Hier entstanden die Bauten für das FC St. Pauli Museum, Fatih Akin hat hier Filme produziert, Viva con Agua fand hier erste Förder*innen, die Beginner lassen hier Videos und Plattencover erstellen und nehmen in den Musikstudios seit 12 Jahren ihre Songs auf. Rocko Schamoni hat hier seine Werkstatt. Hier wird Medizin praktiziert, Tanz unterrichtet, werden Umzüge durchgeführt, Autos und Wohnungen renoviert und vieles mehr.

2017 verkaufte der ehemalige Besitzer das Gelände an die Berliner AC Immobilien-Investment GmbH. Die beiden Geschäftsführer, Christoph Reschke und Alexander Möll sind auch zugleich die Deutschland-Chefs des weltweit agierenden Immobilienunternehmens Hines. Die Furcht ist also groß und scheint begründet, dass die Investoren – wie in vielen anderen Fällen bereits geschehen – den Hof abräumen, abreissen, neu bebauen und teuer verkaufen werden.

Um das Areal in der Bernstorffstraße als Genossenschaft zurückzukaufen, mit dem Ziel, den Hof für immer und alle Zeiten dem Spekulationsmarkt zu entziehen und damit ein sicheres und angstfreies Wohnen und Arbeiten zu ermöglichen, gründete sich der „Viva la Bernie e.V.“. Der Verein sammelte mit mehr als 120 privaten Kreditgeber*innen und Unterstützenden, darunter Samy Deluxe, Jan Delay, der Maler Daniel Richter, Heinz Strunk, Fatih Akin, Y’akoto, die Bands Deichkind, Fünf Sterne Deluxe, Slime, Viva con Agua, einer sozial engagierten Bank und vielen weiteren Sympathisierenden, die enorme Summe von 7 Millionen EUR. Bei einem Rückverkauf könnten die Investoren also einen sechsstelligen Betrag als Rendite verzeichnen, ohne dass sie etwas zur Gestaltung des Stadtteils beigetragen hätten.

Die Ablehnung dieses Kaufangebots unterstreicht, dass es sich hier um einen besonderen Fall von Profitgier handelt, bei dem Inhalte, wie Gemeinschaft und Zusammenhalt keine Rolle spielen.

Dieser Fall bietet einen weiterern Anlass, zu erkennen, dass eine nachhaltige und gerechte Gestaltung unserer Stadt am ehesten möglich ist, wenn anstelle von gewinnorientierten Investor*innen und Eigentmümer*innen die Bewohner*innen die Möglichkeit erhalten, ihre Stadt nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. Dass es auch anders geht, zeigen Beispiele wie der Park Fiction und der Golden Pudel Club, das Gängeviertel oder die Vikotria Kaserne in Altona – hier wurden zentrale Orte den Verwertungsinteressen des gewinnorientierten Immobilienspekuantentums entzogen und gemeinsam von ansässigen Akteuren zu lebendigen, kreativen und wertvollen urbanen Schauplätzen umgestaltet.

Wir fordern die AC Immobilieninvestment GmbH auf: Zieht euch aus St. Pauli zurück! Verkauft zu einem fairen Preis an Viva la Bernie! Kämpfen wir dafür, dass diese Form der Vertreibung in Hamburg, in St. Pauli und speziell im Fall der Bernstorff 117 nicht dazu führt, das ein weiterer wertvoller Kulturort für immer verschwindet und die Hansestadt Stück für Stück zu einer austauschbaren grauen Großstadt wird.

Für uns steht Urbanität für Nachbarschaften, die sich durch eine Vielfalt auszeichnen. Ebendiese Mischung droht mehr und mehr verloren zu gehen und gefährdet damit nicht nur den Lebensraum der dort agierenden Menschen, sondern bedroht ebenfalls die heterogen gewachsene, soziale und wirtschaftliche Funktionalität ganzer Stadtviertel. Solange das vorliegende Kaufangebot nicht angenommen wird, verleiht das Clubkombinat die zerbrochene Gitarre 2019 an die Investorengesellschaft AC Immobilieninvestment.

P.S: Bei einer gütlichen Einigung mit Viva la Bernie bieten wir die Rücknahme bzw. die Reparatur der zerbrochenen Gitarre an.

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