wtf — what the fear: 50.000 Menschen feiern, aber nicht alle fühlen sich sicher.
Das Projekt auf dem Spielbudenplatz zeigt: Gewalt im öffentlichen Raum ist Alltag. Prävention und niederschwellige Meldestellen sind dringend notwenig.
Das Clubkombinat Hamburg e.V. veröffentlicht die ersten Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt wtf — what the fear, welches von Juni bis September 2025 mit verschiedensten partizipativen Elementen im öffentlichen Raum auf St. Pauli statt gefunden hat.
Jedes Wochenende feiern bis zu 50.000 Menschen rund um die Reeperbahn. Ein Ort internationaler Clubkultur, aber auch ein Brennpunkt für Gewalt im öffentlichen Raum. Die Statistiken zeigen einen Anstieg an Straftaten im Zusammenhang mit dem Nachtleben, und die Dunkelziffer ist hoch. Viele Betroffene verzichten aus Scham, fehlenden Informationen, schwieriger Beweisbarkeit oder aus Mangel an niedrigschwelligen Anlaufstellen auf eine Meldung oder Anzeige. Um die Problemlage strukturiert zu begegnen, wurde in einer viermonatigen Konzeptphase gemeinsam mit einem interdisziplinären Team die Grundlage für das Projekt auf dem Spielbudenplatz gelegt. Im Fokus standen dabei der Austausch und Diskurse über Schutzmaßnahmen, die Sensibilisierung für Gewalt- und Diskriminierungsformen, Empowerment für Betroffene, die Erfassung von Fallzahlen aus der Praxis sowie die Abfrage von Sicherheitsbedarfen im öffentlichen Raum. Vom 19. Juni bis 3. August 2025 sowie erneut während des Reeperbahn Festivals (17. – 20. September 2025) setzte das Projekt vielfältige Maßnahmen um: Ein gläserner Informations- und Gesprächscontainer auf dem Spielbudenplatz, eine digitale Meldestelle, Bedarfsanalysen auf der Reeperbahn, Bildungsformate, ein illustrierter Bauzaunbanner mit Handlungsempfehlungen sowie zahlreiche Kooperationen mit Sozial- und Fachstellen aus Hamburg.
Erste Erkenntnisse: Gewalt ist Alltag vielfach unsichtbar.
Die digitale Meldestelle wurde im Auswertungszeitraum 213 Mal geöffnet und 58 Meldungen wurden vollständig abgeschlossen. Die Auswertung zeigt deutlich:
Rund 40 % der Meldungen betreffen sexualisierte Grenzüberschreitungen
32 % der Fälle beschreiben sexualisierte körperliche Gewalt.
Weitere häufige Kategorien: körperliche Gewalt, Rassismus, queer- und transfeindliche Angriffe sowie Gewalt gegen wohnungslose Personen.
Über 70 % der Teilnehmenden sind weiblich, rund 23 % divers.
Die gewaltausübenden Personen werden fast ausschließlich als männlich und unbekannt beschrieben.
Parallel dazu gaben in der Bedarfsanalyse über 90 % der Befragten (Nachbarschaft, Gewerbe, Besuchenden) an, bereits Gewalt oder Diskriminierung im Umfeld der Reeperbahn erlebt oder beobachtet zu haben. Besonders nicht-männlich gelesene Personen berichteten, sich im öffentlichen Raum deutlich unsicherer zu fühlen.
Hohe Resonanz am Container: Ein deutlicher Wunsch nach sicheren Orten.
Am gläsernen Container fanden 183 Gespräche statt. Die Präsenz des Containers führte zu spontanen Gesprächen, Perspektivwechseln und bei vielen zu einem stärkerem Bewusstsein für die Situation vor Ort. Die Gespräche verdeutlichten zugleich den Bedarf an niedrigschwelligen Anlaufstellen. Teilnehmende am Projekt berichten:
„Ich wusste nicht, wohin. Und ich wollte niemandem zur Last fallen. Ich hätte mir gewünscht, dass einfach jemand da ist.“
Betroffene Person
Gleichzeitig wurde klar: Sensible Erfahrungen benötigen geschützte Räume, professionelle Erstunterstützung und verlässliche Strukturen.
Forderungen aus der Zivilgesellschaft — Prävention, Präsenz und sichere Orte
Die am häufigsten genannten Bedarfe umfassen:
Stärkere Einbindung von Anwohnenden, Gewerbe und Nachtleben
Der Tenor ist eindeutig: Sicherheit entsteht nicht allein durch Kontrolle, sondern durch
kulturelle Transformation, Solidarität und gemeinsame Verantwortung.
Awareness-Teams im öffentlichen Raum
Sichtbare, betreute Anlaufstellen für Betroffene
Aufklärung, Empowerment und Prävention
Bessere Infrastruktur, z. B. Beleuchtung und barrierefreie Wege
Fortsetzung 2026 geplant
Auf Grundlage der Ergebnisse soll „wtf – what the fear“ 2026 weitergeführt und ausgebaut werden. Die gewonnenen Erkenntnisse bilden die Basis für eine nachhaltige Strategie und könnten in ein Gewaltschutzkonzept einfließen, das den öffentlichen Raum und das Nachtleben auf St. Pauli sicherer und inklusiver gestalten soll. Ziel ist es, Livekulturerlebnisse für alle Menschen zu ermöglichen und den Zugang dazu sicher zu gestalten. Geplant sind vertiefende Analysen, interaktive Workshops, bundesweite Praxisbeispiele, sowie die gemeinsame Entwicklung wie eine geeignete Anlaufstelle für Betroffene aussehen kann.
Der vollständige Sachbericht ist abrufbar auf der Projekt-Website: wtf-stpauli.org
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