NACHBERICHT —
ROUNDTABLE AWARENESS & TEILHABE #10
»Entschlossen gegen Rassismus – Strategien und Impulse für mehr Sicherheit im Kulturbetrieb«
Am 08. Juli 2025 fand der 10. Roundtable »Entschlossen gegen Rassismus – Strategien und Impulse für mehr Sicherheit im Kulturbetrieb« im HÄKKEN (Klubhaus/Spielbudenplatz St. Pauli) statt. Dazu haben wir Referent:innen des Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus Hamburg (im Nachgang MBT genannt) eingeladen, die ihre Arbeit vorstellten.
Einleitung und Kontextualisierung
Das MBT ist verortet beim Träger Arbeit und Leben Hamburg und wird aus Bundes- und Landesprogrammen finanziert. Ebenfalls eine wichtige Beratungsstelle, die dort auch angesiedelt ist, ist Empower. Es gibt zu dem noch zwei andere Beratungsstellen: Amira und Kurswechsel. Ihre Beratung ist immer vertraulich, kostenfrei, mobil und freiwillig sowie immer lösungs- und ressourcenorientiert. Sie beraten nach dem systemischen Ansatz Hilfe zur Selbsthilfe und versuchen, Handlungsoptionen zu entwickeln, die solidarisch mit der Betroffenenperspektive sind.
Das MBT berät sowohl Clubs (Mitarbeitende, etc.), als auch Veranstaltungsorte (z.b. Probleme mit Künstler:innen, etc.) und Kultureinrichtungen (z.b. Bei Anfeindungen durch AfD).
Die Säulen der Arbeit des MBT sind Beratung, Bildungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit, Recherche & Monitoring. Kontakt kann hier aufgenommen werden:
Rassistische Äußerungen von Besuchenden und Publikum, Buchungsanfragen von verschwörungsgläubigen Künstler:innen oder queerfeindliche Aussagen von Mitarbeitenden und Kolleg:innen – die Zahl der rassistischen Vorfälle innerhalb des Kulturbetriebes häufen sich. Immer wieder sind wir im (Arbeits-)Alltag mit rechten Haltungen und Handlungen konfrontiert. Das MBT stellte sein Angebot vor und zeigte anhand von Beratungsfällen ihrerseits aus der Veranstaltungsbranche, wann Beratung notwendig wird und wie sie hinzugezogen werden kann. Zudem wurde auf die gängigen Strategien von Rechten und mögliche Gegenstrategien eingegangen, die Institutionen und Betreibende ergreifen können, um mit Angriffen von extrem Rechten umzugehen.
Definition von Rechtsextremismus nach MBT
Rechte Ideologieelemente finden sich im Rechtsextremismus aber auch gesamtgesellschaftlich. Zu ihnen zählt das MBT unter anderem: Rassismus, Antisemitismus, Queer- und Transfeindlichkeit, Antifeminismus. Sozialdarwinismus und Ableismus. Rechte Ideologieelemente sind meistens institutionell und strukturell verankert.
Recap der Veranstaltung
Die Teilnehmenden haben sich während der Veranstaltung in Kleingruppen oder paarweise zu den folgenden zwei Fragen ausgetauscht:
- Wo begegnen euch im Cluballtag rassistische Erfahrungen (Mitarbeitende, externe Gewerke, Künstler:innen, Besuchende etc.)?
- Was sind die größten Herausforderungen mit extremrechten Personen und Gruppierungen (Kommunikation, Gewalt, Verträge etc.)?
Die Rückmeldungen der Teilnehmenden zeigen, dass immer noch ein strukturelles Defizit bei der Formulierung und Kommunikation gemeinsamer Werte und Leitbilder besteht. Gleichzeitig lässt sich in der Verantwortungsebene eine Überforderung darin identifizieren, in kritischen Situationen eine klare Haltungen einzunehmen. Hier setzt MBT unterstützend an: Nicht im Sinne klassischer Unternehmensberatung, sondern als Orientierungshilfe bei Handlungsunsicherheiten, wie bei der Entwicklung von Leitbildern. Darüber hinaus wurde betont, wie wichtig es sei, präventiv Worst-Case-Szenarien für den Umgang mit extrem rechten Problemlagen zu entwickeln – etwa bei Fragen zu Booking, Vertragsgestaltung, dem Ausschluss von Veranstaltungen oder digitaler Hassrede. Auch gezielte Recherchen und der Austausch mit anderen Clubs erweisen sich als hilfreich, um rechtsextreme Künstler:innen frühzeitig zu identifizieren und auszuschließen.
Rechte Strategien, die den Kulturbetrieb beeinflussen
- Täter:innen-Opfer:innen-Umkehr Problem: Ausschluss wird als Diskriminierung betitelt (Betroffene geraten aus dem Fokus der Situation)
- Einfache Lösung für komplexe gesellschaftliche Probleme, beispielsweise Narrative/Ausrufe wie »Remigration«, »Ausländer raus« etc.
- Einschüchterungen und Raumnahmeversuche
- Verhindern und Stören von Abläufen
- Symbolische Markierung durch Codes & Kleidung, z.B. Aneignung von Markensymbolen für rechte Aussagen
- Strategische Infiltration und ideologische Unterwanderungen im Clubkontext, z.N. Security, Booking
- »Unpolitisch«-Narrativ forcieren, z.B. Clubs sollen »unpolitisch« und »frei für Meinungsäußerungen« sein
- Rekrutierung und Netzwerkarbeit, z.B. auf Social Media durch fragwürdige Gruppen
Strategien werden auch gesamtgesellschaftlich genutzt, manchmal auch unbewusst.
Instrumente für die Praxis
- Leitbild, Regelwerk, Hausrecht
- Handlungsleitfaden und Reaktionspläne für mögliche Fälle
- Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten im Team festlegen
- Beschwerdemanagement: niedrigschwellig und teamübergreifend kommuniziert mit neutraler Ansprechperson/Emailempfänger:in
- Betroffenenschutz, Ansprechpersonen, Awareness-Teams
- Weiter- und Fortbildung, z.B. Schulungen, Sensibilisierung, Empowerment für Team & Security
- Türpolitik reflektieren & diskriminierungssensibel gestalten
- Codes und Symbole erkennen und verbieten: siehe dazu auch Nachbericht Roundtable #9 zum Thema »Rechte Symbolik«
- Kooperationen kritisch prüfen, z.B. Booking, Security, Technik, externe Gewerke
- Öffentlich Haltung zeigen, z.B. Social Media, Website, AGBs
- Austausch und Vernetzung: »Schwarmwissen«
- Dokumentation & Meldung von Fällen, z.B. Aktuell beim Projekt wtf — what the fear und ihrer Meldestelle
- Nutzung externer Beratungsangebote: eine Liste finden sich auf der Website von wtf — what the fear
Das MBT gab den Teilnehmenden einen zentralen Impuls mit auf den Weg: die Notwendigkeit der Institutionalisierung von Strukturen. Gemeint ist damit die systematische Verschriftlichung von Abläufen, um Prozesse unabhängig von einzelnen Mitarbeitenden zu gestalten und dauerhaft im Organisationsalltag zu verankern. Solche Strukturen müssen regelmäßig überprüft, weiterentwickelt und aktiv thematisiert werden. Zudem sind Entscheidungsträger:innen gefordert, personelle und zeitliche Ressourcen für diesen gemeinsamen Entwicklungsprozess bereitzustellen und zu sichern.
Mehr Infos und weitere Veranstaltungen findest du hier:
