NACHBERICHT — ROUNDTABLE AWARENESS & TEILHABE #12

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Am 20. November fand der Roundtable #12 zum Thema »Inklusives Booking – Chancen für mehr Awareness im Nachtleben« in der Hebebühne Altona statt. Initiiert wurde die Veranstaltung durch das Clubkombinat Hamburg e.V. Projekt tba — to be aware, gefördert durch die Behörde für Kultur und Medien Hamburg und die Clubstiftung Hamburg.

Einleitung und Kontextualisierung

Trotz wachsender gesellschaftlicher Sensibilisierung für Diversität und Inklusion zeigt sich in der Club- und Veranstaltungsbranche weiterhin ein Ungleichgewicht in der Zusammensetzung von Line-ups und dem Zugang zu Bühnen. Häufig werden bestimmte Gruppen – FLINTA* (Frauen. Lesben, Inter, Non-Binär, Trans, Asexuell), PoC (People of Color), Menschen mit Behinderung oder Künstler:innen mit Migrationshintergrund — in Booking-Prozessen benachteiligt oder unter-repräsentiert.
Diese fehlende Diversität resultiert aus strukturellen Barrieren, unbewussten Vorurteilen sowie bestehenden Netzwerken, die oft homogen bleiben. Das führt dazu, dass Clubs und Veranstal-tungsorte ein eingeschränktes kulturelles Spektrum abbilden und sich nicht als inklusiver Raum für alle Menschen verstehen lassen.
Die Herausforderung besteht darin, Booking-Prozesse so zu gestalten, dass sie chancengleich, transparent und inklusiv sind – bei voller künstlerischer Freiheit und gleichbleibender Qualität.

Zusammen mit den Referent:innen Kevin Hamann & Stella Edler (Barner16, alsterarbeit gGmbH) die vertretend für Anna-Lena Hamann (Barner16, alsterarbeit gGmbH/DJ Duo BumBumDisko) übernommen haben und Felix Brückner (Initiativte Barrierefrei Feiern/Wir kümmern uns gUG/Fheels Band) schauen wir aus verschiedenen Perspektiven auf diese Problemstellungen: Welche strukturellen und sozialen Hürden eine inklusive Programmgestaltung aktuell verhindern und welche Maßnahmen eine diverse Künstler:innenauswahl fördern könnten. Ziel ist es, Clubs Handlungsempfehlungen an die Hand zu geben, um inklusive Booking-Strategien zu verstehen, zu entwickeln und umzusetzen – und so den Mehrwert für Publikum, Clubkultur und Gesellschaft zu fördern.


Inhaltliche Struktur

  • Persönliche Vorstellung der Referent:innen
  • Bestandsaufnahme
  • Ursachen struktureller Hürden
  • Wege und Prozesse
  • Wirkung auf Szene und Publikum
  • Zukunft und Verantwortung


Persönliche Vorstellung der Referent:innen

Felix Brückner (er) ist Sänger und Gitarrist in der inklusiven Band FHEELS und zudem Referent bei der im popkulturellen Sektor angelegten Initiative Barrierefrei Feiern. Krankheitsbedingt konnte Anna-Lena Hamann leider nicht wie geplant teilnehmen, stattdessen waren die Kolleg:innen Stella Edler (sie) und Kevin Hamann (er) vor Ort. Beide arbeiten bei der barner16, einem inklusiven Netzwerk von Künstler:innen, das aus professionellen Kunst- und Kulturproduktionen von Künstler:innen mit und ohne Behinderung besteht. Dort spielen sie auch in Bands und bringen eine Vielzahl von Perspektiven in der Planung und Umsetzung von kulturellen Angeboten mit. 

Inklusion bedeutet für die Referent:innen, dass Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen nicht wie so häufig durch Barrieren etc. exkludiert werden, sondern proaktiv in allen Prozessen mitgedacht werden, ein Selbstverständnis darüber herrscht und somit Teil der kulturellen Landschaft sind. 


Bestandsaufnahme

  • Wie divers ist die Club- und Veranstaltungslandschaft aktuell wirklich — und wo seht ihr persönlich die größten Lücken?
  • Habt ihr Beispiele, die verdeutlichen, wo strukturelle Barrieren sichtbar werden?

In den vergangenen Jahren hat das Thema Diversität auch im Kontext von Awareness zunehmend an Bedeutung gewonnen. Dennoch besteht weiterhin erheblicher Handlungsbedarf: Marginalisierte Gruppen sind auf Hamburgs Bühnen nach wie vor stark unterrepräsentiert. Inklusive Formate gelten häufig als wenig lukrativ, da sie mit hohen finanziellen Aufwänden für barrierefreie Bedingungen verknüpft werden. Diese Annahme schafft jedoch eine Lücke, durch die bestehende Barrieren fortgeschrieben werden — Räume bleiben exklusiv und Menschen werden weiterhin ausgeschlossen. Zudem mangelt es an Fördermöglichkeiten, die beim Abbau struktureller Hindernisse unterstützen könnten. Zwar erhalten Initiativen wie Barrierefrei Feiern zunehmend Aufträge, doch herrscht bei Veranstaltenden weiterhin Unsicherheit im Umgang mit dem Thema. Aufklärung und Sensibilisierung bleiben daher zentral, zumal viele Barrierefreiheit ausschließlich mit Mobilität verknüpfen — obwohl sie deutlich vielschichtiger ist und viele Hürden unsichtbar bleiben.

Wie steht es um Ruhezonen, reduzierte Lichteffekte, Mehrsprachigkeit, Lautstärke oder sensorische Reize? Das Ungleichgewicht ist spürbar, denn es fehlen verbindliche Standards und eine klare Kommunikation seitens der Veranstaltungsorte. Felix Brückner: „Dass wir 2025 immer noch darüber sprechen, ob Menschen auf Toilette gehen können. Es ist erschreckend, dass Menschen mit Behinderung dankbar sein müssen, dass sie auf Toilette gehen können.“

Ursachen

  • Was glaubt ihr — Welche Rolle spielen unbewusste Biases (Vorurteile) bei der Auswahl von Acts oder Kuration von Line-ups?
  • Wie offen ist die Szene tatsächlich für neue Gesichter, neue Sounds und Perspektiven jenseits des Mainstreams?
  • Welche Verantwortung tragen Bookerinnen und Veranstalterinnen — und welche die Künstler*innen selbst, um Räume diverser zu gestalten?

Auch im Jahr 2025 ist davon auszugehen, dass Bühnen weiterhin nur wenig divers kuratiert werden. Oft wirkt dabei eine finanzielle Abwärtsspirale: Es bleibt schwierig, Clubs zu füllen, wes-halb viele auf vermeintlich sichere Mainstream-Acts setzen. Inklusive Bookings erscheinen weniger lukrativ und werden daher kaum priorisiert. Zugleich erhalten inklusive Bands seltener die Chance, sich zu präsentieren. Dadurch fehlen ihnen wichtige Ressourcen für eigene Promotion, die wiederum notwendig wäre, um mehr Publikum in die Clubs zu holen. Diese Unsicherheit führt dazu, dass vielfältige Bookings weiterhin ausbleiben.
Nach Einschätzung der Referent:innen liegt die Verantwortung verstärkt bei den Clubs, regelmäßig inklusivere Formate zu schaffen und damit ein neues Publikum anzusprechen. Zudem mangelt es an Austausch — sowohl zwischen Booker:innen als auch zwischen Veranstaltenden und Künstler:innen. Dadurch gehen wertvolle Möglichkeiten verloren, voneinander zu lernen und sich gegenseitig einzuladen. Clubs und Veranstaltende versäumen es häufig, diese Perspektive aktiv einzunehmen und können so ihrer Verantwortung nicht gerecht werden.
Schließlich sollten auf lokaler wie auch bundesweiter Ebene Förderprogramme geschaffen werden, die diesen Wandel finanziell unterstützen.


Wege und Prozesse

  • Wie kann man Booking-Prozesse fairer, transparenter und inklusiver gestalten – ohne künstlerische Freiheit einzuschränken?
  • Gibt es bereits erfolgreiche Modelle oder Initiativen, die hier als Vorbild dienen könnten?

Zu Beginn sollte der Fokus auf Sichtbarkeit und Sensibilisierung liegen. Um inklusives Booking zu ermöglichen, braucht es unter anderem fördernde Strukturen, wie etwa das Förderprogramm Live 500 der Initiative Musik. Gleichzeitig müssen sich Veranstaltende ihrer Verantwortung bewusst sein, marginalisierte Künstler:innen sichtbar zu machen. Eine Möglichkeit hierfür ist etwa, eine inklusive Band als Support Act zu buchen. So erhalten marginalisierte Künstler:innen Zugang zu neuen Publika, erhöhen ihre Bekanntheit und haben einen leichteren Einstieg in die Szene — ein Gewinn für alle Beteiligten. Dabei geht es weniger um das Erfüllen von Quoten, sondern um eine echte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Für ein diverseres Booking können Datenbanken wie Pinc Music, ein Netzwerk für Künstler:innen mit Behinderung, genutzt werden. Darüber hinaus tragen Recherche und Austausch innerhalb der Club- und Veranstaltungsszene wesentlich dazu bei, Vielfalt auf Bühnen zu fördern. In England etwa gelten bereits andere Standards, die den Abbau von Barrieren stärker einfordern.

Als Good-Practice-Beispiele wurden mehrere Veranstaltungsorte und Festivals genannt:

  • Das Wacken Festival, das eine Wheelchair-Podeste eingerichtet hat und vor Ort Reparaturen an Rollstühlen ermöglicht.
  • Die Kieler Woche, bei der Pat:innen Menschen mit Behinderungen während des Aufent-halts unterstützen.
  • Das SO36 in Berlin, das ein gutes Beispiel für einen barrierefreien Club gilt.
  • Das Für Hilde Festival mit einem Wegebelag für Rollstuhlfahrende.
  • Die Hebebühne in Hamburg, die mit barrierefreien Toiletten und einer Rampe zur Bühne den Zugang erleichtert.
  • Zurück zu den Wurzeln Festival

Veranstaltende stehen häufig vor der Herausforderung, Barrieren finanziell aufwendig abbauen zu müssen. Doch schon Offenheit, Kommunikation und ein sichtbares Bekenntnis zum Thema tragen entscheidend zu einem inklusiveren Booking bei. Informationen darüber, wie Clubs im Hinblick auf Barrieren aufgestellt sind und welche Unterstützung angeboten wird, sollten transparent nach außen kommuniziert werden.

Wesentlich ist außerdem die Bereitschaft, mit Künstler:innen und Gäst:innen offen über Zugänge und Abläufe zu sprechen, vorhandene Ressourcen gemeinsam zu nutzen und aktiv Feedback einzuholen. Auf diese Weise lassen sich vor allem »Barrieren im Kopf« abbauen, die nach wie vor weit verbreitet sind. Dies führt langfristig sowohl zu einem diverseren Booking als auch zu einem vielfältigeren Publikum.

Denn Communities kehren als Publikum verlässlich zurück, wenn inklusive Formate geschaffen werden. Ihre Strahlkraft und Bindungsstärke sollten keinesfalls unterschätzt werden.

Wirkung auf Szene und Publikum

  • Was verändert sich, wenn Bühnen diverser werden — für die Atmosphäre, das Publikum und die kulturelle Relevanz eines Clubs oder Festivals?
  • Wie reagieren Publikum und Branche auf bewusst diverse Line-ups — stößt das auf Un-terstützung oder auch auf Widerstand?
  • Welche Rolle spielt Sichtbarkeit: Wie können marginalisierte Künstler:innen stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken?

Wenn Line-ups inklusiv gestaltet sind, wird auch das Publikum vielfältiger und schließt grundsätzlich mehr Menschen ein, die Veranstaltungsstätten besuchen können. So öffnen sich ganze Communities, denen der Zugang zuvor verwehrt blieb. Gleichzeitig trägt dies dazu bei, dass jüngere Generationen mit unterschiedlichen Perspektiven aufwachsen und für das Thema Diversität sensibilisiert werden. Von diesen Entwicklungen profitieren Veranstaltende, Künstler:innen und Besuchende gleichermaßen.

Eine solche Gestaltung schafft eine Atmosphäre, in der sich Menschen willkommen fühlen, die sonst häufig durch Barrieren ausgeschlossen werden. Mit weniger Sorgen und geringerem Planungsaufwand können sie Kultur erleben und daran teilhaben. Diese positiven Synergieeffekte bereichern die kulturelle Landschaft und können für Veranstaltungen zu einem besonderen Qualitätsmerkmal werden.

Politische Entscheidungen — wie etwa die  Ratifizierung der UN BRK, verpflichten politische  Akteur:innen sich mehr für die  Teilhabe und kulturelle Mitgestaltung von Menschen mit Behinderung einzusetzen.  Dennoch besteht weiterhin Entwicklungspotenzial, um diese politischen Maßnahmen noch wirkungsvoller zu gestalten.

Zukunft und Verantwortung

  • Welche konkreten Schritte braucht es, um Diversität langfristig in Strukturen zu verankern — über Einzelveranstaltungen hinaus?
  • Was wünscht ihr euch von Förderinstitutionen, Politik und Szeneakteur*innen, um Wandel wirklich zu ermöglichen?
  • Wie messen oder überprüfen wir den Fortschritt in Sachen Diversität und Inklusion?
  • Wenn ihr euch für die Zukunft der Clubkultur etwas wünschen dürftet: Wie sähe eine wirklich inklusive Szene aus?

Veranstaltende können sich zunächst fragen: Was bilden wir mit unserem aktuellen Programm ab — und wo bestehen noch große Leerstellen? Es lohnt sich, über neue, inklusivere Projektformate nachzudenken, die mit den vorhandenen Ressourcen regelmäßig umgesetzt werden können. So lässt sich langfristig ein insgesamt inklusiveres Programm etablieren, das Communities — und damit neue Zielgruppen — aktiv zum gemeinsamen Kulturerleben einlädt. Dafür ist die Bereitschaft wichtig, die eigene Komfortzone zu verlassen und kreativ sowie ressourcenteilend (etwa durch nachbarschaftliche Vernetzung) barriereärmere Räume zu gestalten.

Eine offene Kommunikation über bestehende Barrieren und Möglichkeiten seitens der Veranstaltenden ist essenziell: Erst dadurch fühlen sich marginalisierte Menschen überhaupt ermutigt, Räume zu betreten und in Austausch zu treten.

Für die Zukunft wurde der Wunsch geäußert, eine Datenerhebung zum aktuellen Stand der Diversität vor, auf und hinter den Bühnen Hamburgs durchzuführen. Die Ergebnisse könnten genutzt werden, um politisch erneut auf Veränderungen hinzuwirken.

Für Felix Brückner bedeutet eine inklusive Kulturszene, dass ein grundsätzliches Verständnis dafür entsteht, dass marginalisierte Menschen selbstverständlich Zugang zu Kultur haben und Teil von ihr sein dürfen. Dafür braucht es klare, verpflichtende Standards, die Begegnungen auf Augenhöhe ermöglichen und die Vielfalt unserer Gesellschaft sichtbar machen.

Stella Edler und Kevin Hamann wünschen sich vor allem, dass vorhandene Ressourcen, bestehende Möglichkeiten und noch bestehende Leerstellen seitens der Veranstaltenden sichtbar gemacht werden. Zudem soll offen über Unterstützungsangebote und Ansprechpersonen für Diversität kommuniziert werden.

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