Clubkombinat Hamburg e.V.

Im Club mit … Andrea Rothaug (RockCity)

Andrea Rothaug I Foto by Katja Ruge

ANDREA, WAS WAR DEIN LETZTER CLUB- (KONZERT-) BESUCH VOR DEM SHUTDOWN?
Ladies Artists Friends am 08. März im Knust.

WIE SCHÄTZT IHR ALS ROCKCITY DIE AKTUELLE LAGE DER HAMBURGER MUSIKER*INNEN EIN?
Besorgniserregend! Auch nach sechs Monaten Corona bietet sich den Musiker*innen der Stadt noch keine berufliche Perspektive. Niemand mag oder kann zuverlässige Voraussagen treffen, wann die Lockerungen eintreten, die es den Musiker*innen erlauben, wieder auf eigenen Beinen zu stehen, die eigene Miete zu zahlen und die eigenen Familien zu ernähren. Außerdem steht uns der Winter bevor. Open-Air-Konzerte verlieren bei Minusgraden schnell ihren Reiz und die Plätze in den Clubs sind streng limitiert. Deswegen sieht es RockCity als Interessens-vertretung gerade jetzt umso mehr als seine Aufgabe, sich für eine berufliche Perspektive der Künstler*innen einzusetzen und mit Politik und Behörden weitere Strategien zu entwickeln, die greifen. Hamburg muss laut bleiben – vor, während und nach der Pandemie!

WELCHE PERSPEKTIVEN UND FÖRDERMÖGLICHKEITEN GIBT ES DERZEIT FÜR DIE KÜNSTLER*INNEN?
Von Bund und Land gibt es vielfältige Möglichkeiten zur finanziellen Unterstützung, die wir begrüßen, die jedoch – wie sich gezeigt hat – an zu vielen Ecken und Enden nicht auf die Vielfalt der Szene passen. Die Stadt Hamburg hat die Frist für die Soforthilfe von 2.000 Euro bis Ende Dezember verlängert. Das gilt jedoch nur für KSK-fähige Künstler*innen. Solo-Selbstständige und Newcomer*innen bleiben außen vor und können nur auf den “erleichterten Zugang zur Grundsicherung” hoffen – wobei sich auch hier herausgestellt hat, dass die Bürokratie an die Rücklagen und Ersparnisse rückt, wenn wir sie nicht aufhalten. Die Initiative Musik hat im Rahmen von NEUSTART KULTUR in Sachen Künstler*innenförderung aufgestockt und z.B. die Bedingungen für die internationale Tourförderung auf digitale Gigs auf Showcase-Festivals erweitert. Im Hause RockCity arbeiten wir gerade an einer zweiten Ausschüttung unseres Soforthilfefonds, der all diejenigen unterstützen soll, die durch sämtliche Raster der Fördertöpfe von Bund und Land fallen. Darüber hinaus gibt’s auch News in Sachen RockCity-Gagenfonds: Ab dem 15.10.2020 geht’s los! Anträge für eine Aufstockung der Gagen und Spenden bei gespielten Konzerten (digital oder analog) können voraussichtlich ab Oktober rückwirkend bis zum 13. März für bis zu 500 Euro pro Künstler*in pro gespieltem Konzert gestellt werden.

WELCHEN EINFLUSS WIRD DIE PANDEMIE DEINER EINSCHÄTZUNG NACH AUF DIE ZUKÜNFTIGE HAMBURGER MUSIKLANDSCHAFT UND EURE ARBEIT HABEN?
Die Musiklandschaft wird sich verändern! Nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell. Die ersten Corona-Alben kriegen wir mit Sicherheit im Frühjahr auf die Ohren. Wie viele Clubs, Labels, Verlage, Agenturen und Künstler*innen bis dahin das Handtuch geschmissen oder den Schlüssel abgegeben haben, bleibt  abzuwarten. Spätestens dann, wenn sich die Auflagen gelockert haben, gar ein Impfstoff bereitsteht und alle musik- und feierwütigen Menschen vor verschlossenen Türen stehen und mit uralten Playlists durch die Straßen ziehen, wird sich auch was in Sachen Wertschätzung für die Kunst und die Szene tun. Für uns bedeutet es –  zumindest momentan – viel wichtige Verbandsarbeit. Aber auch das ist tendenziell ein gutes Zeichen, denn das heißt, es geht weiter!

GAB ES BESONDERS KREATIVE IDEEN/KONZEPTE IN DEN VERGANGENEN MONATEN, WIE KÜNSTLER*INNEN MIT DER SITUATION UMGEGANGEN SIND?
Zwangsläufig war jeglicher Umgang mit der Situation kreativ. Sei es Hinterhof- oder Wohnzimmerkonzerte, Live-Streams, Instagram-Gigs, digitales Netzwerken, Geisterkonzerte, Hilfe leisten, Hilfe suchen oder manchmal einfach den Kopf in den Sand stecken. Kreativität ist der Motor der Künstler*innen. Dass der Motor weiterhin am Laufen bleibt und für diejenigen, die noch in der Schaffenskrise stecken, wieder zündet, muss unser aller Anliegen sein! Und RockCity selbst muss kreativ sein: Programme, Support, Lobbyarbeit für die Szene auf
Sicht und langfristig!

WIE WAREN EURE ERFAHRUNGEN DIE DIESJÄHRIGE VERLEIHUNG DES HAMBURG MUSIC AWARD KRACH + GETÖSE DIGITAL UMZUSETZEN?
Spannend, neu, schön, stressig…ein Wechselbad der Gefühle. Innerhalb kürzester Zeit mussten wir ein als analog geplantes Event in ein digitales Format gießen. Das war eine Herausforderung, die aber auch großen Spaß gemacht hat. So wie die meisten, die sich in letzter Zeit ganz unverhofft mit Filmkameras, Soundabnahme und Streaming-Plattformen auseinander setzen mussten, war es auch bei uns Learning-by-Doing und wir sind froh, dass wir im April eine so bunte Award-Show mit all seinen Ecken und Kanten und Stream-Ruckeln auf die Beine gestellt haben! www.krachundgetoese.de

WELCHE PERSPEKTIVE SEHT IHR MOMENTAN IM BEREICH DER NACHWUCHSFÖRDERUNG, DEM KÜNSTLER*INNENAUFBAU UND DEM TOURNEEWESEN ANGESICHTS EINES BUNDESWEIT DROHENDEM SZENARIO EINES CLUBSTERBENS?
Unsere Perspektive und Devise ist: Weitermachen! Präsenz zeigen! Talente dürfen nicht verschwendet, Kreativen muss weiterhin Raum geboten und Spielstätten gerettet werden. Damit nicht eine ganze Generation von Musiker*innen in Hartz IV, Demotivation und Unsichtbarkeit verschwindet, schauen wir den Politker*innen ganz genau auf die Hände, gestalten an vielen Stellen mit und bieten darüber hinaus Hilfestellung in Sachen Förderanträge und dem ganz normalen Wahnsinn in Sachen Writing, Musikproduktion, -vertrieb und -vermarktung. Gerade im Hinblick auf den Gagenfonds raten wir allen: Spielen, spielen, spielen, denn hier liegt jetzt das Geld. Ziel ist es, die Clubs zu erhalten, Musikschaffende aus der Grundsicherung zu kriegen und Kreativität zu fördern.

WENN DU KULTURSENATORIN WÄREST, WAS WÜRDEST DU ÄNDERN? Stipendien gegens Nichtstun für alle in Not geratenen Künstler*innen, Musik-schaffende und Musikinfrastrukturbetreibende! Oder noch besser – maßgeschneiderten Support für die heterogene, solo-selbstständige Musikszene schaffen und leisten: Zuschüsse zum Instrumentenkauf, zwölf Monate ohne Dezibelschranke im öffentlichen Raum, etc.

GIBT ES VERANSTALTUNGEN ODER KONZERTE, DIE DU IM OKTOBER ODER DEN KOMMENDEN WOCHEN EMPFEHLEN KANNST?
Ja, die SUPER PEOPLE STAGE in Hamburg! Seit Mitte Juli bespielenwir gemein-sam mit Music HH Women die Bühne vor dem Knust. Das machen wir auch noch in regelmäßigen Abständen bis Ende Oktober. Mit unserer Konzertreihe bieten wir Musikschaffenden, die
weiblich* besetzte Instrumente und Stimmen haben, eine Bühne. Frei nach dem Motto: Gage, Gema, Geld und Glück! Das Oktober-Line-Up mit Jenobi, Thord1s, Neue Deutsche Wahrheit, The Girl & The Ghost, Jessy Martens, Friedo und Douniah kann sich auf jeden Fall sehen lassen. Darüber hinaus könnt ihr euch auf unseren Pop_instituten analog und digital weiterbilden und informieren. Am besten einfach den RockCity-Newsletter abonnieren und kein
Event verpassen!

HAST DU NOCH EINEN TIPP FÜR HAMBURGS CLUBGÄNGER*INNEN WIE SIE AKTUELL UND IN ZUKUNFT DIE CLUBS UND KÜNSTLER*INNEN UNTER-STÜTZEN KÖNNEN?
Spenden, spenden, spenden und Konzerte besuchen – analog oder digital!

[*Dieses Interview wurde Mitte September geführt.]


ZUR PERSON

Foto: Simon Heydorn

Andrea Rothaug ist Geschäftsführerin von RockCity Hamburg e.V. – Zentrum für Popularmusik, Mitbegründerin und Präsidentin des Bundesverband Popularmusik Deutschland e.V., Erfinderin und Vorständin der Music Women* Germany, Mitbegründerin des Clubkombinat Hamburg e.V. und der LIVEKOMM e.V., der Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft e.V., des Live-Musik-Fonds Hamburg, des Hamburg Hoch 11 e.V., des musicHHwomen Networks, Namensgeberin und Erfinderin der Hanseplatte – Musik von hier und des Zukunftskongresses OPERATION TON. Sie ist Beiratsmitglied des Reeperbahn Festivals, im Deutschen Musikrat und Mentorin im Deutschen Kulturrat, außerdem Autorin, Kolumnistin, Dozentin an der HfMT, Artist + Business Coach, Querkopf, Trüffelschwein und Mutter.


 

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